Tierschutzorganisationen warnen vor Fleischimporten aus Mercosur-Staaten
Nachdem sich der Nationalrat Mitte Juni gegen die Ratifizierung des Mercosur-Abkommens ausgesprochen hat, wird der Ständerat nun darüber entscheiden, ob auf das Freihandelsabkommen eingetreten wird oder nicht. Während das Abkommen als wirtschaftlicher Erfolg präsentiert wird, werden die negativen Folgen für das Tierwohl und die Schweizer Landwirtschaft ausgeblendet. So sieht das Abkommen etwa ein zollfreies Kontingent für Rindfleischimporte aus Haltungen vor, die weit hinter dem Schweizer Tierschutzstandard zurückbleiben. Der Tierschutzbund Zürich (TSB), die Stiftung für das Tier im Recht (TIR) sowie 15 weitere Organisationen fordern den Stände-rat daher auf, verbindliche Tierwohlstandards in das Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten aufzunehmen.
19.08.2026
Das Mercosur-Abkommen ist ein geplanter Freihandelsvertrag zwischen der EFTA und den Merco-sur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Ziel des Abkommens ist es, Handels-hemmnisse abzubauen, den Marktzugang zu erleichtern und wirtschaftliche Kooperationen zu stärken. Ein zentraler Bestandteil ist die Senkung oder Aufhebung von Zöllen für verschiedene Produkte – darunter auch tierische Erzeugnisse wie Rindfleisch. Da der Nationalrat Mitte Juni nicht auf die Vorlage eingetreten ist, hat nun der Ständerat über das Abkommen zu beraten. Er kann dieses entweder in seiner jetzigen Form ratifizieren, inhaltlich abändern oder gänzlich ablehnen.
Die Schweiz importiert bereits heute im Rahmen des bestehenden WTO-Zollkontingents Rind-fleisch aus Mercosur-Staaten. Die Importbestimmungen für dieses Fleisch sehen vor, dass die Rinder vor der Schlachtung für ungefähr 100 Tage mit einem Getreideanteil von mindestens 70% gefüttert werden müssen. Diese Anforderungen können unter herkömmlichen Weidebedingungen nicht erfüllt werden, sondern setzen eine intensive Feedlot-Mast voraus. Bei sogenannten Feedlots handelt es sich um riesige Mastanlagen im Freien, in denen Rinder auf engem Raum, ohne Zugang zu Weideland, gehalten werden. Mit dem geplanten Abkommen würde die Einfuhrmenge tierischer Produkte aus der Feedlot-Haltung aufgrund eines neuen Zollkontingents weiter steigen.
Der Tierschutzbund Zürich hat zwischen August 2025 und März 2026 insgesamt 21 Feedlots in Argentinien, Uruguay und Brasilien dokumentiert – alles Betriebe, die offiziell für den Export in die EU und die Schweiz zugelassen sind. Die eindrückliche Recherche aus Video- und Bildmaterial zeigt ein wiederkehrendes Muster schwerwiegender Missstände: verletzte und kranke Tiere, fehlender Schutz vor extremer Hitze, verschmutztes Trinkwasser, keine Liegeplätze sowie Rinder, die nach Regenfällen tagelang im Schlamm und in ihren eigenen Exkrementen stehen. Hinzu kommt eine extrem getreidereiche Fütterung, die einzig der schnellen Gewichtszunahme und Fleischmarmorierung dient und das Risiko von schmerzhaften und teils tödlichen Pansenerkrankungen erhöht. Diese Bedingungen widersprechen grundlegenden Anforderungen an eine tiergerechte Haltung und würden in der Schweiz zu strafrechtlichen Konsequenzen führen.
Die Aussicht auf ein zollfreies Kontingent für dieses Fleisch stellt
eine direkte Gefahr für die Schweizer Tierwohlstandards dar. Während
Schweizer Betriebe strenge Vorgaben zu erfüllen haben, werden
gleichzeitig noch mehr Produkte aus Haltungsformen auf den Markt
gelangen, die hierzulande verboten wären. Diese Ungleichbehandlung würde
nicht nur das Tierwohl beeinträchtigen, sondern auch die
wirtschaftliche Situation der Schweizer Landwirtschaft verschärfen.
Der Tierschutzbund Zürich (TSB), die Stiftung für das Tier im Recht
(TIR) sowie 15 weitere Organisationen forderten den Ständerat daher im
Rahmen eines offenen Briefes auf, dem Mercosur-Freihandelsabkommen ohne
verbindliche Tierwohlauflagen nicht zuzustimmen und die Ratifizierung in
der jetzigen Form auszusetzen. Der zollfreie Marktzugang für tierische
Produkte soll an überprüfbare strenge Tierschutzstandards geknüpft
werden. Nur so kann verhindert werden, dass im Namen wirtschaftlicher
Interessen Fleisch importiert wird, das mit erheblichem Tierleid
verbunden ist und die Schweizer Standards untergräbt.